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„Die Regulierung macht den Gastransport nicht einfacher“

Christoph von dem Bussche im Interview mit ener|gate Netze

ener|gate Netze: Seit Beginn des Gaswirtschaftsjahrs im vergangenen Oktober hat WINGAS TRANSPORT kostenregulierte Netzentgelte. Was hat sich mit der Regulierung verändert?

Christoph von dem Bussche:
Auch in der regulierten Welt ist unser Geschäft, Gas sicher zu transportieren. Die Regulierung ändert nichts daran, sie macht es aber auch nicht leichter. Es gibt einen großen bürokratischen Aufwand mit dem zusätzliche Kosten einhergehen. Das wird mit dem dritten europäischen Binnenmarktpaket noch deutlich zunehmen, wenn alle Dienstleistungen aus integrierten Unternehmen verboten sind. Dann muss viel Infrastruktur, die aktuell als Shared Service genutzt werden kann, gedoppelt werden. Eine eigene Buchhaltung, eine  eigene Personalabteilung, müssen aufgebaut werden. Zudem gilt es viele Detailfragen zu klären. Zum Beispiel, ob die Mitarbeiter weiter in der Pensionskasse der BASF bleiben können oder ob ein eigenes System zur Altersvorsorge aufgebaut werden muss.
 
 
ener|gate Netze: Lassen sich diese Kosten schon beziffern?

Christoph von dem Bussche: Konkrete Zahlen liegen noch nicht vor. Wir befinden uns noch in der Vorbereitung. Die Umsetzung der neuen Binnenmarktrichtlinie wird zwar zum März 2011 gewünscht, eine Übertragung in nationales Recht liegt aber noch nicht vor. Es gibt eine Fülle von Detailfragen, die noch nicht geklärt sind. Auf der anderen Seite gibt es einen akuten Handlungsbedarf. 2010 ist Fotojahr der Anreizregulierung. Die Kosten aus dem Jahr 2010 gelten als Basis für die Einkünfte, die für die Jahre 2013 bis 2017 genehmigt werden. Setze ich die Anforderung aus dem 3. Binnenmarktpaket in diesem Jahr um, habe ich die Kosten sicher in den Tarifen. Das ist aber schwierig, solange die Vorgaben noch nicht in nationales Recht umgesetzt worden sind. Es wäre sinnvoll, wenn die Bundesnetzagentur in diesem Zusammenhang den Einmalaufwand getrennt anerkennen würde. Dazu gibt es aber bislang keine Überlegungen. Wir hoffen auf mehr Klarheit und müssen bis dahin mit der Unsicherheit umgehen.
 
 
ener|gate Netze: Wie muss man sich den bürokratischen Aufwand vorstellen?

Christoph von dem Bussche: Aus den Kostenanträgen im vergangenen Jahr haben wir gelernt, dass wir einen enormen Dokumentationsaufwand betreiben müssen. Da muss man viele Feinheiten beherrschen, welche Kosten anerkannt werden und welche nicht. Zum Beispiel die Kosten der Reinigung, der Molchung, können nur dann anerkannt werden, wenn die Molchschleusen einzeln aktiviert worden sind. Es ist verständlich, dass die Bundesnetzagentur maximale Klarheit haben möchte. Das trägt aber nicht dazu bei, dass wir effizienter Gas transportieren. Wie die Molchschleuse aktiviert ist, dadurch kann ich nicht mehr Gas transportieren. Das macht den Gastransport nicht einfacher, eher mühsamer.
 
 
ener|gate Netze: Setzt die Anreizregulierung die falschen Anreize?

Christoph von dem Bussche: Die Anreize gehen zurzeit in die falsche Richtung. Die Bundesnetzagentur wirbt damit, dass es eine Verzinsung von 9,29 Prozent gibt. Was dabei vergessen wird ist, dass es sich um eine gehebelte Rendite handelt. 9,29 Prozent werden auf das Eigenkapital gewährt, das maximal einen Anteil von 40 Prozent haben darf. Fremdkapital wird aktuell mit etwa 4,2 Prozent verzinst. Daraus ergibt sich eine Projektrendite von 6,2 Prozent. Eine griechische Staatsanleihe bringt im Moment 7,5 Prozent. Zudem handelt es sich bei den 6,2 Prozent um eine Maximalrendite. Die erziele ich nur mit Investitionsbudgets. Die werden nur genehmigt, wenn es sich um eine nötige Umstrukturierungs- oder Erweiterungsinvestition handelt. Für einen zusätzlichen Verdichter, mit dem in kalten Wintern die Versorgungssicherheit erhöht werden könnte, gibt es kein Investitionsbudget. Dazu kommt, dass die Kosten für den Betrieb des Verdichters erst wieder im nächsten Fotojahr für die kommende Regulierungsperiode anerkannt werden. Wenn ich im Jahr 2011 einen Verdichter baue, zahle ich das benötigte Treibgas zunächst selbst und kann die Kosten erst über das Fotojahr 2015 für die Tarife ab dem Jahr 2018 geltend machen. Das sind im optimistischen Fall mehrere Millionen Euro im Jahr. Zudem gelten Investitionsbudgets nach bisheriger Genehmigungspraxis für eine Regulierungsperiode, das heißt für fünf Jahre. Die Investitionen werden aber über 55 Jahre abgeschrieben. Das heißt, die Budgets gelten nur für zehn Prozent der Zeit. Dazu kommt, dass sich Investitionskosten erst mit einem Verzug von zwei Jahren in den Netzentgelten wiederfinden. Dadurch kommen wir auf reale Renditen von um die vier Prozent.
 
 
ener|gate Netze: Was muss also gemacht werden?

Christoph von dem Bussche: Die Anreize müssten so gestaltet werden, dass ich am Finanzmarkt jemanden finde, der bereit ist Projekte zu finanzieren. Wie die genaue Zahl ist, darüber kann man sicher streiten. Dass Netzinvestitionen zurzeit nicht attraktiv sind, zeigt das Beispiel eines unserer Konkurrenten . Es lagen in der Open Season bindende Zusagen der Kunden vor, die Investitionen von drei Mrd. Euro gerechtfertigt hätten. Investiert werden nur 400 Mio. Euro. Ein Anzeichen dafür, dass irgendetwas nicht stimmt. Die Alternative zu einer angemessenen Verzinsung wäre die Ausnahme von der Regulierung. Viele große Infrastrukturprojekte wie diverse LNG-Terminals, BBL oder die Poseidon-Pipeline sind von der Regulierung ausgenommen. Das kann schon zu denken geben, ob man mit der Regulierung die richtigen Anreize setzt. Es ist sicher kein Zufall, dass Investitionen in große Infrastrukturprojekte hauptsächlich dann stattfinden, wenn sie von der Regulierung ausgenommen sind.
 
 
ener|gate Netze: Wie sehen Sie, dass die Regulierungsbehörde die Vergabe von Transportkapazitäten neu regeln will?

Christoph von dem Bussche: Darin sehe ich vor allem eine Herausforderung für den Handel. Wie sollen Händler langfristige Lieferverträge abschließen, wenn die langfristigen Transportkapazitäten nicht mehr in ausreichendem Maße gebucht werden können. Im Sinne der Versorgungssicherheit werden langfristige Lieferverträge ja von der Politik gewünscht. Aber wie sollen diese abgeschlossen werden, wenn sie nicht nur am Volumenrisiko scheitern können, sondern daran, dass Netzbetreiber nicht mehr die nötigen Kapazitäten zur Verfügung stellen. Dieser Winter hat ja gezeigt, dass die Produzenten Take-or-Pay-Verpflichtungen sehr ernst nehmen, um ihrerseits Investitionssicherheit zu haben.
 
 
ener|gate Netze: Letztes Stichwort: GABi Gas. Ein lernendes System?

Christoph von dem Bussche: GABi Gas hat den Zugang zum Netz einfacher gemacht. Es gibt aber noch Kinderkrankheiten, bei denen man sich um Lösungen bemühen muss. So wie das System derzeit ausgestaltet ist, kommt es zu starken Unterspeisungen, die über Regelenergie ausgeglichen werden müssen. Das führt bei GASPOOL, wo WINGAS TRANSPORT Anteilseigner ist, zu einem hohen Liquiditätsbedarf. Die Kosten werden zwar über die Umlage ausgeglichen, müssen aber vorfinanziert werden. Dass die Umlage steigt, sieht der Netzbetreiber neutral. Ein hoher Sozialisierungsgrad spricht aber immer dafür, dass man im System nachsteuern muss. Es gibt ein großes Delta zwischen Regel- und Ausgleichsenergie. Es ist nicht sinnvoll, eine so große Lücke zuzulassen. Ein solideres System würde diese Preise in einen stärkeren Zusammenhang stellen. Da muss unbedingt nachgesteuert werden. Die Marktgebietskooperationen müssen so funktionieren, dass sie sich selbst tragen können.
 


Christoph von dem Bussche
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